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Die Kunst der orientalischen Kaffeekultur – Eine Einführung

Wer an orientalischen Kaffee denkt, hat oft sofort den tiefschwarzen, starken türkischen Mokka im Kopf. Doch die Kaffeekultur des Orients ist ein riesiges Spektrum, das von den hellen, fast tee-ähnlichen Aufgüssen der Arabischen Halbinsel bis zu den gewürzintensiven Mischungen Nordafrikas reicht.

Für Kaffeeliebhaber bietet diese Region eine sensorische Reise, die moderne Third-Coffee-Wave-Konzepte in Sachen Komplexität oft in den Schatten stellt.

Türkischer Mokka: Der Klassiker der Extraktion

Der Türkische Mokka ist die wohl bekannteste Zubereitungsart. Hierbei wird der Kaffee nicht gefiltert, sondern zusammen mit dem Wasser in der Cezve (oder Ibrik) aufgebrüht. Die Kunst liegt in der Schaumbildung, dem sogenannten „Kaimak“, der die Aromen unter einer dichten Schicht versiegelt.

  • Röstung: Mittlere bis dunkle Röstung, oft schokoladige Noten.
  • Zubereitung: Mehrfaches Aufwallen lassen im Kupferkännchen.
  • Besonderheit: Der extrem feine Mahlgrad sorgt für einen schweren Körper.
  • Beigabe: Traditionell wird oft ein Stück Lokum (Turkish Delight) gereicht.

Ein perfekt zubereiteter Türkischer Mokka zeichnet sich durch einen stabilen Schaum aus, der beim Einschenken vorsichtig auf die Tassen verteilt wird. Sensorisch gesehen bietet der Türkische Mokka eine Intensität, die durch die vollständige Immersion des Kaffeemehls im Wasser erreicht wird. In der sozialen Interaktion dient der Türkische Mokka oft als rituelles Element, das den Abschluss einer gemeinsamen Mahlzeit markiert.

Qahwa Arabiyya: Die helle Seele der Wüste

Ganz im Gegensatz zum Mokka steht der arabische Qahwa (oder Gahwa), wie er vor allem in Saudi-Arabien, den VAE und Kuwait getrunken wird. Die Bohnen werden hier nur sehr hell geröstet – oft nur bis zum „First Crack“ oder kurz davor –, was dem Kaffee eine gelb-grünliche Farbe und einen säurebetonten, krautigen Geschmack verleiht.

Merkmal Qahwa Arabiyya (Golfregion) Türkischer Mokka Westlicher Filterkaffee
Röstgrad Sehr hell (Zimt-Röstung) Mittel bis Dunkel Hell bis Medium
Dominante Gewürze Kardamom, Safran, Nelken Meist pur (oder wenig Kardamom) Keine (Pur)
Körper Dünn, tee-ähnlich Sehr kräftig, sämig Klar, leicht bis mittel
Trinktemperatur Heiß, in kleinen Schlucken Heiß, nach Absetzen des Satzes 65°C – 80°C

Mirra: Der bittere Gruß aus dem Südosten

Mirra ist eine hochkonzentrierte Kaffeespezialität, die vor allem im Südosten der Türkei und in Teilen Syriens verbreitet ist. Der Name leitet sich vom arabischen Wort für „bitter“ ab. Dieser Kaffee wird über Stunden hinweg mehrfach eingekocht und gefiltert, bis ein fast sirupartiges Extrakt entsteht, das in winzigen Mengen ohne Zucker serviert wird.

  • Herstellung: Langwieriger Kochprozess in speziellen großen Kannen (Mırraık).
  • Geschmack: Extrem bitter, rauchig und hochkonzentriert.
  • Etikette: Die Tasse wird nie ganz gefüllt; man trinkt nur einen Bodenfond.
  • Anlass: Wird oft bei Hochzeiten oder Trauerfeiern als Zeichen der Wertschätzung gereicht.

Marokkanischer Gewürzkaffee: Ein Basar in der Tasse

In den Maghreb-Staaten, besonders in Marokko, verschmelzen Kaffee und die Welt der Gewürze zu einer einzigartigen Mischung. Der „Café des Épices“ ist eine komplexe Komposition, bei der die Kaffeebohnen oft zusammen mit ganzen Gewürzen gemahlen werden, bevor sie in einer Pressstempelkanne oder klassisch aufgebrüht werden.

Gewürzkomponente Anteil in der Mischung Sensorischer Beitrag Kulinarischer Kontext
Schwarzer Pfeffer Gering Subtile Schärfe im Abgang Wärmend im Winter
Ingwer Mittel Frische, zitrische Schärfe Belebend und aktivierend
Muskatnuss Sehr gering Erdige, nussige Tiefe Harmonisiert die Bitterkeit
Sesam Optional Röstige, ölige Milde Erzeugt ein cremiges Mundgefühl

Praxisbeispiel: Die rituelle Zubereitung der Qahwa in einem Beduinenzelt

Um den Unterschied zwischen Theorie und Praxis zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die traditionelle Gastfreundschaft in Jordanien oder Saudi-Arabien.

Der genaue Ablauf: Ein Reisender besucht eine Beduinenfamilie im Wadi Rum. Hier wird der Kaffee nicht einfach „gemacht“, er wird zelebriert. Der Gastgeber röstet grüne Bohnen frisch in einer Pfanne über dem Feuer. Sobald sie hellbraun sind, werden sie im Mihbaj (einem hölzernen Mörser) rhythmisch zerstoßen – der Klang des Mörsers dient als Einladung an die Nachbarn. Das Pulver wird mit viel Kardamom in der Dallah (Kanne) aufgekocht. Das Ergebnis ist ein heller, fast neon-gelber Sud, der durch den Safran eine florale Note erhält und perfekt mit der Süße der gereichten Medjool-Datteln kontrastiert.

Zubereitungstipps für den heimischen Barista

Orientalischer Kaffee erfordert Umdenken: Vergessen Sie den klassischen Espresso-Mahlgrad. Wenn Sie einen Mokka zubereiten, muss das Mehl die Konsistenz von Puderzucker haben. Für einen Qahwa hingegen benötigen Sie eine sehr helle Röstung, die Sie idealerweise in spezialisierten Online-Shops für arabische Lebensmittel beziehen.

Wichtig ist bei allen Varianten die Wasserqualität: Da der Kaffee oft lange mit dem Wasser in Kontakt steht, sollte ein kalkarmes, weiches Wasser verwendet werden, um die feinen Gewürznuancen nicht zu maskieren. Orientalischer Kaffee ist eine Einladung zur Entschleunigung – ein perfekter Kontrast zur schnellen Espresso-Kultur des Westens.

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Matthias Kraus

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